Im Schlafraum der Kita „St. Marien“ läuft leise Entspannungsmusik, die Kinder schlafen friedlich. Nur die dreijährige Ela bekommt kein Auge zu. Da sie nicht müde ist, lässt sie ihren kleinen Kuscheltier-Elefanten kichernd durch die Luft fliegen. Erzieher Linus stöhnt genervt: „Ela, es ist jetzt Zeit zum Schlafen. Bleib ruhig liegen. Das musst du lernen.“ Was in dieser Szene passiert, entscheidet mehr als nur darüber, ob es im Raum ruhig bleibt. Es entscheidet darüber, ob Elas Bedürfnis, wach zu sein, als legitim wahrgenommen wird – oder als Fehlverhalten, das sie erst noch „lernen“ muss.
Genau um solche Alltagsmomente geht es am 28. Oktober in unserem BeteiligungsTalk „Kinderrechte und Adultismus – nicht nur in der Kita“. In einer kompakten Veranstaltung laden wir dazu ein, gemeinsam auf ein Konzept zu blicken, das im pädagogischen Alltag allgegenwärtig, aber selten benannt ist: Adultismus.
Was ist eigentlich Adultismus?
Der Begriff geht auf den amerikanischen Pädagogen Patterson Du Bois zurück, der bereits 1903 das Verhalten Erwachsener kritisierte, Kinder vereinheitlichend zu betrachten, statt sie in ihrer Individualität wahrzunehmen. In den 1970er-Jahren griff der Psychologe Jack Flasher den Begriff wieder auf und beschrieb Adultismus als eine Art, Kinder als so andersartig zu behandeln, dass sich daraus eine unfaire Macht über sie ableiten lässt.
Modern gefasst: Adultismus ist jede Form der ungleichwertigen Behandlung, die allein auf dem jungen Alter eines Menschen beruht und dessen gesellschaftliche Teilhabe und Entwicklung beeinträchtigt. Er beruht auf einem strukturellen Machtungleichgewicht zwischen „vollwertigen“ Erwachsenen und „werdenden“ Kindern und Jugendlichen – und ist damit, anders als viele andere Diskriminierungsformen, eine Erfahrung, die potenziell jeder Mensch macht: erst als Betroffene, später womöglich als ausübende Person.
Das Besondere: Adultismus endet nicht am 18. Geburtstag. Er wirkt weit ins junge Erwachsenenleben hinein – etwa, wenn jungen Kolleg:innen berufliche Kompetenz abgesprochen wird, oder wenn jungen Eltern misstraut wird, ihre Elternrolle gut auszufüllen.
Macht ist kein Vorwurf – aber sie ist immer da
Ein zentraler Gedanke unseres Buches Adultismus im Kita-Alltag. Über Macht, Kinderrechte und echte Partizipation (Verlag Herder, 2025) lautet: Macht in pädagogischen Beziehungen ist ein Faktum, kein Fehler. Fachkräfte haben Macht – ob sie wollen oder nicht. Entscheidend ist nicht, dass Macht existiert, sondern wie sie genutzt wird.
In Anlehnung an den Erziehungswissenschaftler Björn Kraus unterscheiden wir dabei zwischen instruktiver und destruktiver Macht. Instruktive Macht zielt auf Steuerung und Begleitung im besten Interesse des Kindes – Kinder können sich ihr widersetzen, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen, und werden dabei als gleichwertige Akteur:innen behandelt. Destruktive Macht dagegen schränkt die Möglichkeiten eines Kindes ein oder dient der Demonstration erwachsener Überlegenheit. Sie schädigt die Beziehungsqualität dauerhaft und untergräbt Vertrauen.
Zurück zu Ela: Der Satz „Das musst du lernen“ übergeht ihr Bedürfnis und setzt den vorgegebenen Ablauf über ihr eigenes Körpergefühl. Eine adultismussensible Reaktion, wie sie im Buch beschrieben wird, sieht anders aus: Die Fachkraft erkennt das Bedürfnis an („Du bist noch gar nicht müde und möchtest lieber mit deinem Elefanten spielen, stimmt das?“), eröffnet Wahlmöglichkeiten („Du musst nicht schlafen, wenn du nicht müde bist.“) und erklärt die Rücksichtnahme, ohne Druck aufzubauen („Die anderen Kinder schlafen, deshalb brauchen sie es hier leise.“). Ela darf wach bleiben, ohne dass dies als Fehlverhalten gewertet wird – die Fachkraft steuert, aber im Dialog.
Diese kleine Szene macht sichtbar, worum es im Buch – und im Lunch-Talk – im Kern geht: Es ist selten die große Geste, die adultistisches Handeln von echter Partizipation unterscheidet. Es sind die alltäglichen, oft unbewussten Mikroentscheidungen – bei der Sprache, bei der Raumgestaltung, beim Zugang zu Materialien, beim Schlafen und Ruhen, bei Abschieds- und Ankunftssituationen.
Warum das mehr ist als ein Kita-Thema
Adultismus zählt zu den Diskriminierungsformen, die politisch und öffentlich bislang wenig Beachtung finden – obwohl das Alter im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz ausdrücklich als Diskriminierungsmerkmal genannt wird. Die öffentliche Debatte zu Altersdiskriminierung konzentriert sich meist auf ältere Menschen, etwa im Arbeitsmarkt. Die strukturelle Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen steht dabei bislang kaum im Fokus.
Das ändert sich langsam: Wissenschaftliche Studien im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes untersuchen inzwischen gezielt die Diskriminierung von Kindern aufgrund ihres Alters. Auch das ist ein Grund, warum wir das Thema aus dem Fachdiskurs heraus in die alltägliche pädagogische Praxis tragen wollen – und warum ein Format wie der Lunch-Talk dafür genau richtig ist: kurz, konkret, diskussionsoffen.


