Beteiligung im Grundschulalter

Der Gedanke an Beteiligung im Grundschulalter führt schnell zur Wahl der Klassensprecher:innen oder zur Gestaltung von Spielplätzen und Schulhöfen. Das sind alles wichtige Beteiligungsorte. Doch wie sieht es außerhalb dieser Lebensbereiche von Kindern aus?  Kinder leben nicht auf Inseln aus Schule, Hort und Freizeitangeboten. Sie nutzen Straßen, Plätze, Parks, Geschäfte, Kulturangebote und öffentliche Verkehrsmittel. Sie sind Teil der Gesellschaft. Trotzdem beziehen Stadtplanungsämter, Verkehrsbetriebe und Kommunalpolitik Kinder bei der Gestaltung dieser Orte nur selten ein. Sie planen aus Erwachsenenperspektive. Die Bedürfnisse von Kindern bleiben dabei unbeachtet. Das Ergebnis: Kinder werden an diesen Orten nicht als selbstverständlicher Teil des öffentlichen Lebens wahrgenommen, und kindgerechtes Verhalten wirkt dann schnell störend.

Umso wichtiger ist es, Kinder im Grundschulalter als Expert:innen ihrer Lebenswelt ernst zu nehmen. Ihre Perspektiven gehören überall dorthin, wo Entscheidungen ihren Alltag prägen.

Deshalb richten wir den Fokus der Kampagne #NichtOhneUns – Echt gehört, nicht nur angehört im September auf Kinder zwischen 6 und 12 Jahren. Was bedeutet Beteiligung in diesem Alter? Warum können viele Kinder im Übergang zur Schule plötzlich weniger partizipieren? Und was können Fachkräfte, Schulen, Kommunen und Politik tun, um Beteiligung im Alltag von Kindern stärker zu verankern?

 

Grundschulkinder wollen ihre Umwelt verstehen und mitgestalten

Wie neugierig Kinder auf gesellschaftliche Fragen sind und wie viel sie darüber wissen, wird häufig unterschätzt. Kinder interessieren sich schon sehr früh für ihre Umwelt. Sie sehen Wahlplakate in ihrem Wohnort, verfolgen Kindernachrichten, hören Gespräche über gesellschaftliche Themen und stellen Fragen zu Demokratie, Wahlen oder Konflikten. Die Frage ist daher nicht, ob Kinder sich für Politik interessieren, sondern ob sie Zugang zu verständlichen Informationen erhalten. Damit Kinder ihre Rechte wahrnehmen und eine eigene Meinung bilden und äußern können, brauchen sie altersgerechte und barrierearme Informationen. Politische Bildung und Beteiligung darf nicht davon abhängen, wie politisch interessiert oder informiert die Sorgeberechtigten eines Kindes sind. Zu den Partizipationsrechten der UN-KRK gehören deshalb neben Art. 12 (Recht auf Gehör) auch die Meinungsfreiheit, die Versammlungsfreiheit und das Recht auf Information.

Gleichzeitig findet Kinderbeteiligung im Grundschulalter nicht in erster Linie in Parlamenten oder Gremien statt. Sie findet überall dort statt, wo der Alltag von Kindern gestaltet wird: z.B. in der Schule, im Hort oder im Verein, aber auch in Bibliotheken, Geschäften, Stadtfesten, im Straßenverkehr und in ihrem Wohnumfeld. Kinder wissen oft sehr genau, wo sie sich sicher fühlen, welche Veränderungen sie sich in ihrem Umfeld wünschen oder was ihnen beim Lernen hilft. Dieses Wissen wird jedoch noch zu selten in Entscheidungen einbezogen. Wer Beteiligung ernst nimmt, sieht in Kindern Menschen mit wertvollen Erfahrungen, wichtigen Perspektiven und eigenen Rechten.

 

Was Beteiligung im Grundschulalter bewirken kann

Beteiligung wird häufig damit begründet, dass Kinder dadurch demokratische Kompetenzen erwerben. Das stimmt. Doch diese Perspektive greift zu kurz. Die ebenso wichtige Frage lautet: Was lernen Institutionen und politische Akteur:innen von Kindern?

Kinder nehmen ihre Umwelt anders wahr als Erwachsene. Sie erkennen Barrieren und Hindernisse in Gebäuden und dem öffentlichen Raum, Konflikte oder Ausschlüsse häufig früher als die Erwachsenen, die diese Räume geplant haben.

Kinder lernen durch Beteiligung, Kompromisse zu schließen und Verantwortung zu übernehmen. An Regeln, die sie mitgestaltet haben, halten sie sich eher. Zugleich erleben sie, dass sie etwas bewirken können. Für Institutionen zahlt sich das doppelt aus: Angebote treffen die Lebensrealität von Kindern genauer und Probleme fallen früher auf. Kinder kennen die unsichere Kreuzung auf dem Schulweg, lange bevor das Planungsamt sie misst.

 

Demokratie erleben

Wenn Demokratiebildung in Grundschulen stattfindet, dann häufig im Sachunterricht: Kinder lernen etwas über Wahlen, Regeln, politische Institutionen oder gesellschaftliches Zusammenleben. Deutlich seltener erleben sie jedoch, dass sie selbst Einfluss auf Entscheidungen haben.

Dabei zeigt sich gerade im Übergang von der Kita in die Grundschule ein spannender Widerspruch: Einerseits sollen Kinder zunehmend selbstständig werden, andererseits berichten viele von ihnen, in der Grundschule zunächst Mitbestimmung zu verlieren (vgl. Theel et al., 2024, S.41). Während Kinder in der Kita häufig mitentscheiden können, wie sie ihren Tag gestalten, welche Angebote sie nutzen oder erleben, dass konkrete Beschwerden zu Verbesserungen führen, finden sie sich in der Schule oft in stärker vorgegebenen Strukturen wieder.

Besonders betroffen sind Kinder der ersten Klassenstufe, die häufig von formellen Beteiligungsformaten, wie Klassenräten, ausgeschlossen werden, mit der Begründung, sie bräuchten zunächst Zeit für Orientierung.  (vgl. ebd., S. 33). Auch der 16. Kinder- und Jugendbericht zieht das deutliche Fazit: Die Möglichkeiten politischer Bildung werden in der Grundschule bislang nicht ausreichend genutzt. (BMFSFJ, 2020, S. 52).

Demokratiebildung wirkt dann, wenn Kinder erleben, dass ihre Perspektiven ernst genommen werden und Auswirkungen auf sie betreffende Entscheidungen haben. Fehlen solche Erfahrungen, lernen Kinder theoretisch etwas über Demokratie, erleben aber nur selten, dass sie dabei selbst mitmachen und etwas bewirken können. Hierfür sind Klassenräte oder Schüler:innenvertretungen ein Weg. Doch gelebte Beteiligung misst sich vor allem im Grundschulalltag. Spielen Interessen der Kinder in der Freiarbeit eine Rolle? Können sie bei der Gestaltung von Klassenräumen, Schulfluren, Projekten, Ausflügen oder des Schulalltags mitentscheiden? Wissen sie, an wen sie ihre Ideen herantragen können oder bei wem sie sich beschweren können, wenn die Toilettentür nicht schließt? Werden individuelle Merkmale der Kinder, wie unterschiedliche Familiensprachen, Kulturen, Lebensrealitäten und bevorzugte Kommunikationsformen berücksichtigt und wertgeschätzt?

Und zurück zur ersten Klasse: Wäre es nicht auch spannend, Kinder zu fragen, was sie für Orientierung brauchen?

Wo Beteiligung bereits gut funktioniert

Wie vielfältig Beteiligungsformate sein können, stellen wir in unserer Best-Practice-Sammlung vor.

Beim Schüler*innen Haushalt entscheiden Kinder und Jugendliche, wofür ein eigenes Budget ausgegeben wird, und erleben unmittelbar, wie demokratische Entscheidungen getroffen werden. Projekte wie KidsCourage – Für Kinderrechte stärken Kinder darin, ihre Rechte kennenzulernen, für sich und andere einzutreten und Diskriminierung zu begegnen. Das Projekt Wir bewegen Kinder – Kinder bewegen uns zeigt, wie Kinderrechte und Beteiligung fest im Vereinsalltag verankert werden können.

Auch auf kommunaler Ebene gibt es zahlreiche Beispiele für gelingende Beteiligung. Im Projekt Kinderbeteiligung zum Integrierten Stadtentwicklungskonzept Altstadt bspw. brachten Kinder ihre Perspektiven in die Gestaltung ihres Wohnumfeldes ein und wirkten damit an einem öffentlichen Raum mit, der über klassische „Kinderorte“ hinausgeht.

Gleichzeitig machen Projekte wie Kinder in Frauenhäusern stärken deutlich, wie Beteiligung auch für Kinder in besonders herausfordernden Lebenssituationen ermöglicht werden kann. Initiativen wie das Global Network on Child Participation zeigen, dass weltweit innovative Ansätze entwickelt werden, um Kinder als Expert:innen ihrer eigenen Lebenswelt ernst zu nehmen.

 

Materialien vom Kinderrechte-Portal

In der Materialsammlung Kinder entscheiden finden pädagogische Fachkräfte und Lehrer:innen Anregungen und Materialien zur Beteiligung von Kindern im Grundschulalter und zur Erweiterung der eigenen kinderrechtlichen Kompetenzen:

  • Das Kinderrechte-Kit ist ein Materialpaket für die Grundschule. Mit Unterrichtsimpulsen, Moderationshilfen und praxisnahen Aufgaben unterstützt es Lehrkräfte dabei, demokratische Kompetenzen früh zu stärken und Kinder zu aktiver Teilhabe zu befähigen.
  • Die Praxismethoden des Deutschen Kinderhilfswerks enthalten Übungen zu unterschiedlichen Kinderrechten, die im Unterricht und im Hort umgesetzt werden können. Die Methoden sind immer so konzipiert, dass Kinder und junge Menschen sich beteiligen können.
  • Das Handbuch Film Macht Mut ist ein pädagogisches Praxiswerk, in dem Filmanalyse und Medienbildung mit der Auseinandersetzung über Vielfalt, Kinderrechte, Vorurteile, Rassismus und Antisemitismus verbunden werden.
  • In dem Band Schule – Macht – Beziehung geht es darum, wie Grundschulen zu sicheren Orten für Kinder werden können, indem wirksame Schutzkonzepte gegen seelische Gewalt entwickelt und umgesetzt werden. Das Ziel dabei ist es, eine Schulkultur zu fördern, in der das Wohl, die Beteiligung und die Rechte der Kinder konsequent im Mittelpunkt stehen.
  • In der Analyse Kinderrechte als Grundlage für Schule und Unterricht wird untersucht, inwieweit die UN-Kinderrechtskonvention im deutschen Schulsystem verankert ist und welche Herausforderungen sowie Handlungsmöglichkeiten sich daraus ergeben.
  • Das Toolkit Kinderrechte & Beteiligung im Unterbringungskontext ist ein Praxisleitfaden für die Stärkung der Kinderrechte im Unterbringungskontext sowie vertrauensbildenden Maßnahmen und Konzepten für Workshops mit geflüchteten Kindern zum Thema Kinderrechte & Beteiligung.

 

Ausblick auf den Kampagnenmonat September

Am 16. September findet unser BeteiligungsTalk mit Laura Lundy statt. Laura Lundy hat mit dem Lundy Model of Participation eines der international bekanntesten Modelle zur Umsetzung von Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention entwickelt. Im Talk erläutert sie, wie das Recht auf Beteiligung praktisch umgesetzt werden kann und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit die Perspektiven von Kindern tatsächlich Einfluss auf Entscheidungen nehmen. Dabei bezieht sie auch Beispiele aus ihrer Arbeit mit Kindern im Grundschulalter ein. Weitere Informationen und Anmeldung hier.

Die wichtigsten Impulse und Erkenntnisse aus dem BeteiligungsTalk werden anschließend in einem Blogbeitrag auf der Kampagnenseite zu finden sein.

Beim monatlichen Takeover-Tag übernehmen diesmal Kinder im Grundschulalter mit ihren Perspektiven unseren Instagram-Kanal.

Unter dem Abschnitt Best Practice Beispiele sammeln wir kontinuierlich weitere gelungene Beispiele der Kinder- und Jugendbeteiligung. Damit würdigen und verbreiten wir erfolgreiche Projekte und inspirieren Fachkräfte dazu, eigene Beteiligungsprozesse (weiter-) zu entwickeln. Wir freuen uns auf weitere Einsendungen.

Folgt uns auf Instagram und LinkedIn, um aktuelle Beiträge, Veranstaltungshinweise, Materialien und neue Best-Practice-Beispiele rund um #NichtOhneUns – Echt gehört, nicht nur angehört nicht zu verpassen.

 

Literaturangaben

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2020). 16. Kinder- und Jugendbericht. Förderung demokratischer Bildung im Kinder- und Jugendalter. Berlin.

Theel, T. / Valtin, A. / Schluzy-Neumann, K. (2024). Demokratiebildungsprozesse bei Kindern im Übergang von der Kita in die Grundschule. Ein qualitatives Forschungsprojekt. Abschlussbericht. Berlin.