#NichtOhneUnsBeteiligung

#NichtOhneUns Blogbeitrag: Beteiligung von Anfang an. Auch die Jüngsten haben eine Stimme

Wenn wir über Partizipation in Kindertageseinrichtungen sprechen, denken viele zunächst an Kinderkonferenzen, Abstimmungen oder Kinderparlamente. Für Kinder unter drei Jahren sieht Beteiligung oft anders aus. Sie zeigt sich in den kleinen, alltäglichen Situationen: beim Essen, beim Wickeln, beim Schlafen, beim An- und Ausziehen, beim Spielen oder bei der Frage, wer einem Kind gerade Nähe geben darf. Gerade hier entscheidet sich, ob Kinder erleben: Meine Signale werden wahrgenommen. Meine Bedürfnisse zählen. Ich kann etwas bewirken.

In meiner Arbeit mit Kita-Teams erlebe ich immer wieder, dass Beteiligung bei den Jüngsten zunächst schwerer greifbar erscheint. Denn Kinder zwischen null und drei Jahren können ihre Wünsche, Grenzen oder Beschwerden häufig noch nicht sprachlich formulieren. Sie teilen ihre Perspektive dennoch sehr deutlich mit: durch Blickkontakt, Mimik, Körperhaltung, Laute, Gesten, Hinwendung oder Abwendung, Freude, Protest und Verweigerung. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob junge Kinder sich äußern können, sondern ob wir Erwachsenen bereit und in der Lage sind, ihre Ausdrucksformen als bedeutsame Äußerungen wahrzunehmen.

 

Partizipation beginnt mit der Haltung

Kinder haben von Anfang an ein verbrieftes Recht auf Beteiligung. Dieses Recht hängt nicht davon ab, wie alt sie sind oder wie gut sie bereits sprechen können. Gerade bei Kindern unter drei Jahren zeigt sich deshalb besonders deutlich: Partizipation ist zuerst eine Frage der Haltung.

Welches Bild haben wir vom Kind? Sehen wir ein Kind vor allem als schutz- und anleitungsbedürftig oder zugleich als kompetenten Menschen, der seine Umwelt aktiv erkundet, eigene Bedürfnisse wahrnimmt und Interessen zum Ausdruck bringt?

Damit verbunden ist die Frage nach Macht. Erwachsene tragen Verantwortung für Schutz, Sicherheit und Fürsorge. Gleichzeitig verfügen sie über deutlich mehr Entscheidungsmacht als das Kind. Im pädagogischen Alltag lohnt es sich deshalb immer wieder zu fragen: Wo ist eine Grenze tatsächlich zum Schutz des Kindes notwendig? Wo bestimmen wir aus Gewohnheit? Welche Regeln geben vielleicht eher uns Erwachsenen Sicherheit? Und wo könnten wir Kindern mehr Entscheidungsräume eröffnen?

Gerade bei den Jüngsten besteht die Gefahr, dass Erwachsene stellvertretend entscheiden, weil es schneller, einfacher oder organisatorisch praktikabler ist. Hinzu kommen adultistische Vorstellungen: „Dafür bist du noch zu klein“, „Das kannst du noch nicht entscheiden“ oder das Übergehen kindlicher Signale. Solche Muster sind nicht immer bewusst. Umso wichtiger ist eine regelmäßige Reflexion im Team.

 

Schlüsselsituationen sind Beteiligungssituationen

Beteiligung von Kindern unter drei Jahren wird besonders in alltäglichen Schlüsselsituationen sichtbar. Beim Essen kann Partizipation beispielsweise bedeuten, dass ein Kind entscheidet, was und wie viel es essen möchte, dass es Speisen kennenlernen darf, ohne zum Probieren gezwungen zu werden, oder dass seine Signale von Hunger und Sättigung respektiert werden. Fachkräfte gestalten den Rahmen – das Kind behält jedoch möglichst viel Selbstbestimmung über den eigenen Körper.

Auch beim Schlafen und Ruhen wird Beteiligung konkret. Nicht jedes Kind ist zur gleichen Zeit müde und nicht jedes braucht dieselbe Form der Begleitung. Starre Abläufe können organisatorisch entlasten, werden aber den individuellen Bedürfnissen der Kinder nicht immer gerecht. Eine partizipative Perspektive fragt deshalb: Welche Signale sendet das Kind? Was hilft ihm, zur Ruhe zu kommen? Welche Gewohnheiten und Rituale geben Sicherheit?

Besonders sensibel ist die Pflegesituation. Wickeln bedeutet Nähe und Berührung in einem sehr persönlichen Bereich. Schon kleine Kinder sollten erleben, dass angekündigt wird, was geschieht, ihre Reaktionen wahrgenommen werden und sie aktiv beteiligt sind. Ein Kind kann vielleicht noch nicht sagen: „Ich möchte jetzt nicht gewickelt werden.“ Es kann sich aber wegdrehen, protestieren oder signalisieren, von welcher vertrauten Person es begleitet werden möchte.

Solche Signale ernst zu nehmen bedeutet nicht, die Verantwortung der notwendigen Pflege grundsätzlich dem Kind zu überlassen. Es bedeutet, den Prozess respektvoll, dialogisch und möglichst gemeinsam mit dem Kind zu gestalten.

 

Junge Kinder brauchen Erwachsene, die genau hinsehen

Eine zentrale Voraussetzung dafür ist sensitive Responsivität – also die Fähigkeit der Fachkraft, kindliche Signale wahrzunehmen, angemessen zu deuten und feinfühlig darauf zu reagieren.

Gerade bei sehr jungen Kindern entsteht Partizipation im Dialog, lange bevor dieser ausschließlich sprachlich geführt wird. Die Fachkraft kündigt Handlungen an, wartet auf eine Reaktion, greift Signale auf und gibt dem Kind Zeit. Aus einem scheinbar kleinen Moment – etwa dem ausgestreckten Arm beim Anziehen oder dem Kopfschütteln beim Essen – kann so eine wichtige Erfahrung von Selbstwirksamkeit entstehen: Ich werde gehört. Meine Reaktion verändert etwas.

Hier liegt aus meiner Sicht auch ein wesentlicher Grund, warum die Perspektiven junger Kinder stärker berücksichtigt werden müssen. Wer noch nicht sprechen kann, läuft besonders leicht Gefahr, überhört zu werden. Gerade deshalb brauchen die Jüngsten Erwachsene, die ihre Ausdrucksformen kennen, beobachten und ernst nehmen. Beteiligung bei jungen Kindern verlangt deshalb ein besonders genaues Hinsehen und Hinhören.

 

Beteiligung braucht gemeinsame Strukturen

Partizipation wird dann verlässlich, wenn sie im Team gemeinsam getragen und durch abgestimmte Strukturen im Alltag unterstützt wird. Sie braucht gemeinsam entwickelte und verbindliche Haltungen und Strukturen im Team.

In Fortbildungen und Teamprozessen zeigt sich häufig, wie wertvoll es ist, alltägliche Routinen gemeinsam zu überprüfen: Welche Regeln haben wir – und warum? Wem dienen sie? Welche davon sind zum Schutz der Kinder tatsächlich erforderlich? Wo begrenzen organisatorische Abläufe unnötig die Entscheidungsmöglichkeiten der Kinder? Und wie erkennen wir Beschwerden von Kindern, die sich noch nicht sprachlich äußern können?

Für solche Reflexionsprozesse wurden auch die nifbe-Impulskarten zur Demokratiebildung und Partizipation entwickelt. Ein Kartenset richtet den Blick auf Beteiligungsformen und Beschwerdemöglichkeiten, ein weiteres auf zentrale Schlüsselsituationen wie Essen und Mahlzeiten, Ruhen und Schlafen sowie Pflege. Sie bieten Teams konkrete Anlässe, die eigene Haltung, alltägliche Abläufe und strukturelle Rahmenbedingungen gemeinsam zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.

 

Demokratie beginnt im Alltag

Kindertageseinrichtungen sind ein Mikrokosmos der Gesellschaft. Hier können Kinder von Anfang an erfahren, was es bedeutet, respektiert zu werden, Einfluss zu haben und mit anderen auszuhandeln, was geschehen soll. Demokratiebildung beginnt deshalb nicht erst mit einem Kinderparlament und auch nicht erst dann, wenn Kinder ihre Meinung in vollständigen Sätzen formulieren können. Sie beginnt dort, wo Erwachsene die Perspektive eines Kindes ernst nehmen. Gerade die Beteiligung von Kindern unter drei Jahren fordert uns dazu auf, genauer hinzusehen und hinzuhören. Denn wer nicht sprechen kann, kann sich trotzdem mitteilen.

Wenn Kinder schon früh erleben, dass ihre Signale zählen, ihre Grenzen respektiert und ihre Bedürfnisse gehört werden, erfahren sie etwas Grundlegendes: Ich bin wichtig. Ich darf mitgestalten. Meine Stimme hat Wirkung. Genau darin liegt der Kern von Partizipation – von Anfang an.

Autorin: Michaela Kruse, Niedersächsisches Institut für
frühkindliche Bildung und Entwicklung e.V.