„Schau, da steht der Bär am Kopf! Warum macht der das?“ – „Bitte noch einmal die Geschichte!“ – „Spielst du mit mir die Geschichte? Du bist der Bär und ich die Maus!“
Sätze wie diese sind kleine Sprachwunder. Sie entstehen, wenn ein Kind und ein vertrauter Mensch gemeinsam ein Bilderbuch ansehen, nachfragen, nachspielen und weitererzählen. Es sind Momente, in denen Kinder Wörter sammeln, Zusammenhänge verstehen und erleben: Meine Sprache und meine Geschichten sind willkommen. Genau darum geht es, wenn von Family Literacy gesprochen wird.
Was bedeutet Family Literacy?
Der Begriff stammt aus der angloamerikanischen Forschung und lässt sich mit „Literalität in der Familie“ übersetzen. Gemeint ist weit mehr als das klassische Vorlesen am Abend: Family Literacy umfasst alle Erfahrungen und Alltagspraktiken rund um Sprache, Erzählen, Bilder und Schrift, die Kinder in ihrer Familie machen: Geschichten erzählen, Reime und Lieder weitergeben, Bilderbücher betrachten, Buchstaben auf der Straße entdecken, Bibliotheken besuchen. Dazu gehören die Sprachen, die in der Familie gesprochen und geschrieben werden – bei mehrsprachigen Familien natürlich auch die Erstsprache. Kinder lernen Sprache nicht aus Listen und Übungsblättern, sondern im Dialog mit Menschen, denen sie vertrauen. Family Literacy bezeichnet deshalb auch pädagogische Ansätze, die Familien in dieser Rolle stärken.
Frühe Vorleseerfahrungen öffnen Bildungswege
Jedem dritten Kind in Deutschland fehlen Vorleseerfahrungen: 32 Prozent der ein- bis achtjährigen Kinder wird selten oder nie vorgelesen, 18 Prozent nie. Besonders häufig fehlt das Vorlesen vor dem Kita-Eintritt und bei Kindern zwischen fünf und sieben Jahren. Fast ein Drittel der befragten Familien besitzt weniger als zehn Kinderbücher.1 Lesen und soziale Herkunft hängen auch in Österreich eng zusammen: dort zählen rund 20 Prozent der Viertklässler*innen zu den schwachen Leser*innen,2 in Deutschland sind es 25 Prozent.3 Der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Leseleistung ist in beiden Ländern sehr groß. Gleichzeitig ist Mehrsprachigkeit in Bildungseinrichtungen längst Alltag: Zu Beginn des Kindergartenjahres 2023/24 sprachen etwas mehr als ein Drittel der Kinder in elementaren Bildungseinrichtungen in Österreich Deutsch nicht als Erstsprache und etwa 29 Prozent der 4- und 5-Jährigen hatten einen Bedarf an Deutschförderung – am Ende des Jahres waren es noch etwa 23 Prozent.4 Das zeigt: Frühe Förderung wirkt – und sie wirkt am besten, wenn Kindergarten und Familie zusammengedacht werden.
Das Bilderbuchmagazin Papperlapapp stellt sich vor
Eine Bildungspraxis, die Kinderrechte ernst nimmt, wie das Recht auf Nicht-Diskriminierung z.B. aufgrund der Sprache, bezieht Familiensprachen deshalb bewusst ein. Genau hier setzt Papperlapapp an: Das zweisprachige Bilderbuchmagazin richtet sich an Kinder ab fünf Jahren und erscheint drei Mal im Jahr, jeweils in Deutsch in Kombination mit Sprachen, die im DACH-Raum stark vertreten sind (DACH steht für die Länder Deutschland, Österreich und Schweiz). Zu den einzelnen Ausgaben gibt es je ein Methodenblatt und weiterführende Literaturtipps. So hat sich Papperlapapp mittlerweile sowohl im Kindergarten bzw. in der Kita als auch in der Volksschule bzw. Grundschule als Sprachförder-Medium etabliert.
Ein Heft, das mit nach Hause geht
Das Konzept von Papperlapapp denkt die Familie von Anfang an mit: Kinder erhalten das Heft im Kindergarten, wo es auf Deutsch und manchmal auch in anderen Sprachen gelesen und besprochen wird. Das Heft gehört dem Kind und darf mit nach Hause genommen werden. Ein mehrsprachiger Familienbrief lädt Erziehungsberechtigte dazu ein, die Geschichten gemeinsam mit dem Kind in jener Sprache zu lesen und zu besprechen, in der sie sich am wohlsten fühlen. So lernt das Kind die Geschichten besser kennen und erweitert seinen Wortschatz.
Über das Recht auf kindgerechte Medien
Kinder haben ein Recht auf eigene Medien, die kindgerecht gestaltet sind und Themen aufgreifen, die sie interessieren. So wie die Papperlapapp-Hefte über Angst, Wut, Wolken oder Monster. Jede Ausgabe umfasst zwei Geschichten, einen Comic, ein Wimmelbild, philosophische Gedankenspiele, eine Bastelanleitung und eine Seite zum Selbstzeichnen und Ausprobieren. Die Beiträge werden von anerkannten Autor*innen verfasst. Sie sollen zum Vor- und Weiterlesen anregen und einen vergnüglichen Einstieg ins Lesenlernen bieten. Arrivierte ebenso wie aufstrebende Illustrator*innen aus der ganzen Welt zeichnen die Bilder im Heft meistens von Hand. Die Redaktion wird bei jeder Ausgabe von einem externen Expert*innenbeirat in der Themenwahl und der visuellen Umsetzung unterstützt.
Mentale Gesundheit von Kindern stärken
Zur Sprachförderung gehört auch, Worte für Gefühle zu finden. Daher werden auch emotionale Themen in den Blick genommen, etwa Mut, Scham, Langeweile, Streiten und Versöhnen, Geheimnisse oder zuletzt Gefühle. Dahinter steckt der Gedanke, Kinder in ihrem Recht auf mentale Gesundheit zu stärken. In Ergänzung zu den Heften ist das mehrsprachige Emotionskartenset „Wie fühlst du dich?“ entstanden, in dessen Entwicklung Kinder in Einzel- und Gruppensettings sowie erfahrene Expert*innen aus Pädagogik, Psychologie und Psychotherapie eingebunden waren. „Wie fühlst du dich?“ hilft den Kindern, die Vielfalt der menschlichen Gefühle kennenzulernen, ihre eigenen Gefühle differenziert wahrzunehmen und in Worte zu fassen – gerade auch jene, die sich so oft nicht leicht ausdrücken lassen, wie etwa Scham, Neid oder Schuld.
Jede Sprache zählt, jede Geschichte auch
Family Literacy bedeutet nicht, dass Familien perfekt vorlesen müssen, um Kinder zu fördern. Es bedeutet, Kindern in der Sprache, die ihnen und ihren Bezugspersonen am nächsten ist, Geschichten, Nähe und Aufmerksamkeit zu schenken – und Kindergärten, Schulen und Medien so zu gestalten, dass sie daran anknüpfen. Wenn Kindergarten und Familie gemeinsam Geschichten teilen, haben alle etwas davon: Man braucht dafür nur ein Heft, ein bisschen Zeit und die Lust, gemeinsam zu staunen – zum Beispiel darüber, warum der Bär am Kopf steht.
Quellen:
1. Vorlesemonitor 2024, Stiftung Lesen.
2. PIRLS 2021: Die Lesekompetenz am Ende der Volksschule. Erste Ergebnisse
3. IGLU 2021: Lesekompetenz von Grundschulkindern im internationalen Vergleich und im Trend über 20 Jahre
4. Österreichischer Integrationsfonds: Factsheet Schule und Integration

Karin Hirschberger ist Gründerin, Herausgeberin und Chefredakteurin des zweisprachigen Bilderbuchmagazins Papperlapapp. Dieses erscheint seit 2016, mittlerweile in 11 Sprachkombinationen.
Die mehrsprachigen Bilderbuchmagazine sowie pädagogische Materialien von Papperlapapp werden auf dem Kinderrechte-Portal vorgestellt. Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung.


