Beteiligung vom Schulhof bis zum Jugendparlament
Kinder und Jugendliche werden noch immer zu oft von Entscheidungen ausgeschlossen, die ihr Leben unmittelbar betreffen. Dabei beginnt Partizipation nicht erst im Erwachsenenalter. Sie kann und sollte Kinder von Anfang an einschließen. Denn Kinder und Jugendliche sind Expert:innen ihrer eigenen Lebensrealitäten und bringen wertvolle Erfahrungen, Ideen und Lösungsansätze ein. Je nach Alter verändern sich jedoch die Themen, die junge Menschen beschäftigen, ebenso wie die Räume, in denen sie sich einbringen möchten. Sie können von der Gestaltung eines Spielplatzes oder Schulhofs bis hin zur Mitwirkung in einem Jugendparlament für mehr Klimaschutz und zugänglichere Busverbindungen reichen. Wer das Recht auf Beteiligung wirksam umsetzen möchte, darf Kinder und Jugendliche deshalb nicht als homogene Gruppe betrachten, sondern muss unterschiedliche Interessen, Bedürfnisse und Beteiligungsformate berücksichtigen und ermöglichen. Dieses Recht ist in Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention verankert. Kinder und Jugendliche haben nicht nur das Recht, ihre Meinung zu äußern, sondern auch darauf, dass ihre Ansichten bei Entscheidungen, die sie betreffen, angemessen berücksichtigt werden. Mitbestimmung ist deshalb nicht nur ein Kinderrecht, sondern auch eine wichtige Voraussetzung für gute und zukunftsfähige Entscheidungen. Im Rahmen unserer Kampagne #NichtOhneUns – Echt gehört, nicht nur angehört richten wir von August bis November jeden Monat den Fokus auf eine andere Altersgruppe. Gemeinsam wollen wir sichtbar machen, wo Kinder- und Jugendbeteiligung bereits gelingt und wo weiterhin Hürden und Lücken bestehen (für eine ausführliche Einführung in die Kampagne siehe den Blogbeitrag Juli). Im August widmen wir uns Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren.
Warum Jugendbeteiligung wichtig ist
Wenn junge Menschen erfahren, dass ihre Beiträge Wirkung entfalten, entwickeln sie Vertrauen in demokratische Prozesse und in ihre eigene Handlungsfähigkeit. Sie lernen, Interessen zu vertreten, Verantwortung zu übernehmen, Konflikte auszuhandeln und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Gleichzeitig profitieren Politik, Verwaltung und Gesellschaft von ihren Erfahrungen und Sichtweisen, die Erwachsenen häufig fehlen. Unter anderem in der Klimapolitik hat sich in den letzten Jahren gezeigt, wie viel Jugendbeteiligung nachhaltig für unsere Gesellschaft bewirken kann.
Partizipation stärkt jedoch nicht nur demokratische Kompetenzen. Sie fördert auch das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wer früh erlebt, dass die eigene Perspektive zählt, entwickelt eher Interesse an politischen Prozessen und bringt sich häufiger in Vereinen, Initiativen, Verbänden oder später bei Wahlen ein. Beteiligung ist damit ein wichtiger Baustein demokratischer Bildung und kann Radikalisierungstendenzen entgegenwirken.
Wie wichtig das ist, wurde insbesondere während der Corona-Pandemie deutlich. Damals wurden in kurzer Zeit viele Entscheidungen über den Alltag junger Menschen getroffen, ohne sie dabei angemessen einzubeziehen. Die in dieser Zeit unzureichende Berücksichtigung der Perspektiven junger Menschen kann heute auch in Zusammenhang mit der Jugendextremismuswelle gebracht werden, die wir in Deutschland erleben. Dies zeigt exemplarisch, wie wichtig es ist, Kinderrechte auch aus der Perspektive Jugendlicher konsequent mitzudenken.
Jugendbeteiligung ist daher weder ein pädagogisches Zusatzangebot noch ein Instrument zur politischen Legitimierung. Sie gehört zu den Grundvoraussetzungen einer demokratischen Gesellschaft.
Gute Beteiligung entsteht nicht zufällig
Wirksame Partizipation braucht verlässliche Rahmenbedingungen.
Junge Menschen beteiligen sich besonders dann, wenn sie nachvollziehen können,
- worüber entschieden wird,
- welchen Einfluss sie tatsächlich haben,
- wie der weitere Prozess aussieht,
- und was mit ihren Vorschlägen geschieht.
Dafür reicht es nicht aus, Jugendliche lediglich nach ihrer Meinung zu fragen. Gute Beteiligungsprozesse informieren transparent über Ziele, Möglichkeiten und Grenzen der Mitwirkung. Sie beziehen sich auf Themen, die für junge Menschen relevant sind, und schaffen Räume für einen respektvollen Austausch.
Darüber hinaus müssen Beteiligungsangebote diskriminierungssensibel und inklusiv gestaltet sein – insbesondere in Zeiten von steigender Kinder- und Jugendarmut, erstarkenden demokratie- und menschenfeindlichen Positionen und Einsparungen im sozialen Bereich. Nicht alle jungen Menschen verfügen über dieselben Ressourcen und Zugänge. Armut, Diskriminierungserfahrungen, Behinderungen, Bildungsungleichheiten, aufenthaltsrechtliche Unsicherheiten, Geschlecht oder sexuelle Identität können die Teilhabe erschweren. Wer Beteiligung ernst nimmt, baut deshalb Barrieren aktiv ab und entwickelt unterschiedliche Zugangswege.
Gleichzeitig beruht Partizipation immer auf Freiwilligkeit. Junge Menschen haben genauso das Recht, sich zu beteiligen, wie sich nicht zu beteiligen.
Damit Beteiligung nicht von einzelnen Projekten oder engagierten Personen abhängt, braucht es zudem verlässliche Strukturen. Dafür müssen Beteiligungsrechte u.a. auf kommunaler Ebene, in Schulen, Kitas sowie in anderen Bildungs- und Lernorten stärker verankert werden. Nur wenn Mitgestaltung verbindlich wird, können Kinder und Jugendliche ihre Rechte dauerhaft wahrnehmen.
Wo Jugendbeteiligung bereits gut funktioniert
Jugendbeteiligung gelingt bereits an vielen Orten: Jugendparlamente und Jugendgremien ermöglichen jungen Menschen, kommunale Entscheidungen mitzugestalten. Jugendverbände und Organisationen der Jugendhilfe schaffen Räume, in denen Jugendliche Verantwortung übernehmen, Projekte entwickeln und demokratische Prozesse praktisch erleben. Auch in Schulen zeigen Schüler:innenvertretungen, Beteiligungsprojekte oder Formate wie der Schüler*innenHaushalt, wie junge Menschen ihren Alltag aktiv mitgestalten können. Darüber hinaus prägen Jugendliche gesellschaftliche Debatten durch eigenes Engagement. Jugendbewegungen wie Fridays for Future haben eindrücklich gezeigt, welchen Einfluss junge Menschen auf politische Diskussionen ausüben können, indem sie gesellschaftliche Debatten nicht nur verfolgen, sondern aktiv prägen und politische Veränderungen einfordern.
Zahlreiche Jugendverbände und Jugendorganisationen schaffen dafür wichtige Beteiligungsräume. Die Naturschutzjugend des NABU (NAJU) und die Naturfreundejugend engagieren sich beispielsweise für Umwelt- und Klimaschutz und ermöglichen jungen Menschen, ihre Interessen zu organisieren und öffentlich zu vertreten. Lambda e. V. setzt sich für die Rechte, gesellschaftliche Teilhabe und Sichtbarkeit von jungen LSBTIQ*-Personen ein und schafft Räume für Selbstvertretung, Beratung und Empowerment. Die jüngste Fördermittelstreichung für die Arbeit von Lambda e. V. verdeutlicht, wie fragil Beteiligungsstrukturen sein können, wenn ihre Finanzierung nicht langfristig abgesichert ist. Die djo – Deutsche Jugend in Europa setzt sich für kulturelle Bildung, Integration und internationale Jugendarbeit ein. Sie stärkt die Interessen junger Migrant:innen, Geflüchteter und Spätaussiedler:innen und fördert ihre politische Mitwirkung u.a. durch Austausch- und Beteiligungsformate.
Auch Beteiligungsformate wie die JugendPolitikTage oder das youpaN, das Jugendforum zur Bildung für nachhaltige Entwicklung, schaffen Möglichkeiten, junge Stimmen in politische Entscheidungsprozesse auf Bundesebene einzubringen.
Aus Sicht der Jugendbeteiligung sind solche Bewegungen, Verbände und Gremien von besonderer Bedeutung: Sie bieten jungen Menschen die Möglichkeit, sich mit anderen zu organisieren, gemeinsame Anliegen zu vertreten, demokratische Aushandlungsprozesse einzuüben und politische Wirksamkeit zu erfahren. Sie machen deutlich, dass Beteiligung weit über einzelne Befragungen hinausgeht und dort besonders wirksam ist, wo junge Menschen eigene Themen setzen und Veränderungen aktiv mitgestalten können.
Unter dem Abschnitt „Best Practice Beispiele“ auf unserer Kampagnenseite sammeln wir kontinuierlich gelungene Beispiele der Kinder- und Jugendbeteiligung. Wir möchten erfolgreiche Projekte sichtbarer machen, die Arbeit der Beteiligten würdigen und zum fachlichen Austausch anregen. Gleichzeitig soll die Sammlung Fachkräfte, Verwaltungen, Schulen, Vereine und politische Entscheidungsträger*innen inspirieren, eigene Beteiligungsformate weiterzuentwickeln oder neue Wege der Mitgestaltung auszuprobieren.
Materialsammlung
In der Materialsammlung Jugendliche gestalten finden pädagogische Fachkräfte, Lehrer:innen und kommunale Entscheidungsträger:innen Anregungen und Materialien zur Beteiligung Jugendlicher:
- In der Werkzeugbox Jugend gerecht werden finden Fachkräfte aus Politik, Verwaltung und Jugendarbeit eine breite Auswahl an Materialien, die beim Engagement für einen jugendgerechten Ort hilfreich sind.
- Jugendringe sind Zusammenschlüsse von Jugendverbänden und -organisationen vor Ort, die die Perspektiven junger Menschen in die Politik einbringen. Die Broschüre Jugendringe gründen, Jugendringe reaktivieren soll kommunale Akteur:innen dazu motivieren, sich vor Ort zusammenzutun.
- Die Publikationen des Deutschen Kinderhilfswerkes zu Kinder- und Jugendparlamenten umfassen rechtliche Rahmenbedingungen, Beteiligungsmöglichkeiten, Ratgeber, kommunale Erfahrungen und Qualitätsmerkmale für Politik, Verwaltung und junge Menschen.
- Mit dem Jugend-Check werden die Auswirkungen geplanter Gesetzesvorhaben auf junge Menschen zwischen 12 und 27 Jahren geprüft und sichtbar gemacht. Die Ergebnisse der Jugend-Checks werden in den Gesetzgebungsprozess eingebracht.
- In einem Planspiel können die Teilnehmenden die Rollen verschiedener lokaler Akteur:innen übernehmen. Aus der Perspektive ihrer Rolle bringen sie ihre Interessen in das Bürgerbudget ein.
- Mit der Anwendungsqualifizierung der Qualitätsstandards für Jugendbeteiligung werden diese anhand praktischer Erfahrungen aus der Beteiligung junger Menschen konkretisiert.
- Die Beteiligungsplattform mitwirken ist eine digitale Anlaufstelle für junge Menschen in Deutschland, die sich einbringen wollen.
Wie es weitergeht im August
Diesen Monat starten unsere monatlich stattfindenden BeteiligungsTalks mit einem spannenden Input zum Thema “Beteiligung in der Forschung” am 11. August mit Sebastian Mech. Wissenschaft ist ein Bereich, bei dem man nicht sofort an junge Menschen denkt. Doch auch hier sollten Kinder und Jugendliche beteiligt werden, weil sie Expert:innen für ihre eigene Lebenswelt sind. Ihr Expert:innen-Wissen haben nur sie selbst und dann sollte Wissenschaft ihnen auch zuhören, findet Sebastian Mech, Politikwissenschaftler an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Mehr Informationen und die Zugangsdaten gibt es hier.

