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Die Kinder- und Jugendhilfe muss während des Lockdowns offen bleiben! Die Rechte von Kindern und Jugendlichen müssen gesichert sein!

Bundesweit wird ein mindestens dreiwöchiger Lockdown während der Weihnachtszeit und des Jahreswechsels stattfinden. Wir unterstützen die geplanten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Dabei ist es grundlegend, dass auch während dieser Zeit die Rechte von Kindern und Jugendlichen gesichert und umgesetzt werden. In dieser neuen Phase der Pandemie – von der nicht klar ist – wann sie endet, muss die Kinder- und Jugendhilfe aktiv auf Familien zugehen und junge Menschen unterstützen. Dafür müssen die Rahmenbedingungen geschaffen und geeignete Konzepte flächendeckend umgesetzt werden.

Kinder und Jugendliche brauchen Orte, an denen sie sicher sind und ihre Zeit kinder- und jugendgerecht verbringen können!

Anders als im Frühjahr und Sommer haben die Kinder und Jugendlichen – witterungsbedingt – während dieses Lockdowns nicht die Möglichkeit, für längere Zeit in den öffentlichen Raum und nach „draußen“ zu gehen, wenn sie in den Wohnungen nicht bleiben können. Zudem sind sie in diesen Wochen auch nicht in der Schule oder in Kindertagesbetreuung. Kindertagestätten müssen für alle Kinder und Eltern offen bleiben, wenn diese aufgrund ihrer Lebenssituation eine Betreuung im familiären Kontext nicht gewährleisten können.

Die Einrichtungen der Jugendarbeit (Jugendhäuser, Jugendtreffs, etc.), der Jugendsozialarbeit und der familienbezogenen Institutionen (wie Mehrgenerationenhäuser, Familienzentren, Familienbildungsstätten) müssen weiterhin Gelegenheitsräume und sichere Orte für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene schaffen, die sich nicht zu Hause aufhalten können oder keine Zufluchtsstätte haben.

Darüber hinaus können Kindertagesstätten, Schulen, Jugendherbergen und Mehrgenerationenhäuser ihre Räume für Angebote in Kooperation mit Diensten und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe zur Verfügung stellen. Dafür müssen die Rahmenbedingungen insbesondere in den Verordnungen geschaffen werden.

Jungen Menschen müssen soziale Beziehungen ermöglicht werden!

Auch junge Menschen, die alleine wohnen, von Wohnungsnotstand betroffen sind oder in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe leben, brauchen Kontakte zu ihren Freund*innen und Familien. Auch junge Geflüchtete, die noch nicht lange in Deutschland leben, sind darauf angewiesen, dass sie in diesen Wochen soziale Beziehungen haben und sie ihnen ermöglicht werden. Die Situation von geflüchteten Familien in Erstaufnahmeeinrichtungen in beengten räumlichen Wohnverhältnissen und mit wenigen Angeboten für Kinder muss verbessert und in Zeiten des Lockdowns im Blick behalten werden.

Die Kinder- und Jugendhilfe muss offensiv auf die Kinder, Jugendlichen und Familien zugehen. Altersgerechte Informationen und digitale Kommunikationsformen sind jetzt notwendig! Bund und Länder müssen die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass alle Einrichtungen über ausreichende digitale Möglichkeiten verfügen, um mit jungen Menschen und Familien in Kontakt zu bleiben!

Kinder, Jugendliche und Familien müssen wissen, welche Angebote es in den kommenden Wochen für sie gibt! Wir wissen, dass 2020 schon viel von der Kinder- und Jugendhilfe verlangt wurde und dass auch die kommenden Wochen einen großen Einsatz von Fachkräften und Ehrenamtlichen erfordern. Darum braucht es auch ein deutliches Signal aus der Bundes- und Landespolitik, dass sie die Kommunen und Fachkräfte sowie Ehrenamtlichen der Kinder- und Jugendhilfe in dieser Zeit unterstützt und auch weitere Ressourcen zur Verfügung stellt. Ebenso wie Schulen, müssen auch Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe über die digitalen Möglichkeiten der Kommunikation im Kinderschutz, im Homeschooling, in der Schulsozialarbeit, der Erziehungsberatung, der Jugendarbeit oder der ambulanten Familienhilfe verfügen.

Kein „Wegschließen“ von Kindern und Jugendlichen in Wohngruppen, Heimen und Pflegefamilien! Das gilt umso mehr für Kinder mit Behinderung, die fast ganz aus dem Blick geraten sind.

Der Alltag in Wohngruppen hat sich bereits im Frühjahr sehr von dem Leben anderer junger Menschen unterschieden. Teilweise war der Kontakt auf die eigene Wohngruppe beschränkt. Ebenso gab es empfindliche Eingriffe in die Pflege der Elternkontakte – manche Kinder und Jugendliche konnten ihre Angehörigen über Wochen nicht treffen. Beteiligungs- und Beschwerderechte sind auch unter dem Einfluss der Pandemie unbedingt zu gewährleisten. Die Rechte der Kinder und Jugendlichen in Wohngruppen, Heimen und Pflegefamilien (mit und ohne Behinderung) auf Kontakt zu ihren Eltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen müssen gewahrt werden.

Die Kinder- und Jugendhilfe muss in die Teststrategie des Bundes aufgenommen werden!

Alle Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe haben es täglich mit (vielen) Menschen zu tun, ob in der Beratung, in Kindertagesstätten oder Heimen, in ambulanten Hilfen oder der Jugendarbeit, bei Hausbesuchen im Kinderschutz oder im Rahmen der Schulsozialarbeit. Abgesehen von den Kindertagesstäten sind diese Bereiche der Kinder- und Jugendhilfe bislang nicht von der Coronavirus Testverordnung umfasst. Dies ist unverständlich und muss deshalb schnellstmöglich geändert werden. Zur Pandemiebekämpfung ist eine Testung in diesen Einrichtungen unverzichtbarer Bestandteil; außerdem muss die Finanzierung für die Einrichtungen gesichert sein.

Die nach wie vor hohe Belastung der Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe muss stärker in den Blick der Öffentlichkeit! Wertschätzung und finanzielle sowie personelle Unterstützung sind notwendig!

Die Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe sind von den Auswirkungen der Pandemie sowohl beruflich als auch privat betroffen. In den stationären Einrichtungen der Erziehungshilfe ist die Betreuung der Kinder- und Jugendlichen durch Corona Erkrankungen der jungen Menschen und Fachkräfte schon mancherorts gefährdet. Das Personal der Sozialen Dienste der Jugendämter wird zunehmend in den Gesundheitsämtern zur Kontaktverfolgung eingesetzt.

Dadurch kann mancherorts der Kinderschutz nicht mehr ausreichend gesichert werden. Es braucht kurzfristig personelle und finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten und Aufmerksamkeit bezüglich der hohen Belastungen der Mitarbeiter*innen!

Ein reines Notprogramm in diesem Lockdown ist zu wenig! Kinder- und Jugendhilfe als Infrastruktur des Aufwachsens aufrechterhalten!

Wir fordern die Bundes- und Landespolitik sowie die Verantwortlichen in den Landkreisen und Städten auf, sicherzustellen, dass die Kinder- und Jugendhilfe nicht nur mit einem Notprogramm in diesen Lockdown geht, sondern nach Möglichkeit – unter Einhaltung der Pandemie-Regeln – auch Kinder- und Jugendtreffs, aufsuchende Angebote, Beratungsstellen und niedrigschwellige Angebote für die jungen Menschen und ihre Familien bereithält und auf die Kinder und Jugendlichen zugeht. Dafür müssen auch zusätzliche Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Die zuverlässige Erreichbarkeit von Hilfeangeboten und Beratungsangeboten sowie Außenkontakten muss auch im Weihnachts-Lockdown gewährleistet sein, auch weil es in dieser Zeit nicht selten zu Krisen kommt.

Die Unterzeichner*innen dieses Aufrufs setzen sich dafür ein, dass auch unter den Bedingungen des Infektionsschutzgesetzes den Bedürfnissen und Rechten von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen deutlich mehr Beachtung geschenkt wird. Das muss auch im Krisenmanagement für den Schutz und für ein gesundes Aufwachsen junger Menschen im Alltag spürbar und erkennbar sein. Es geht nicht mehr nur um ein paar Wochen, sondern auch darum, die Kinder- und Jugendhilfe für das Jahr 2021 gut aufzustellen.

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