Am 17.6. präsentierten Sebastian Schiller und Christina Shneydin den Kinderrechte-Index. Das Instrument zeigt Unterschiede in der Umsetzung der Kinderrechte zwischen den Bundesländern auf, leitet daraus Handlungsempfehlungen ab und macht auf Datenlücken aufmerksam. Als zentrales Ergebnis steht fest, alle Bundesländer haben Nachholbedarf, wenn es um die Umsetzung der Kinderrechte nach der UN-KRK geht.
Anstelle eines Gesamtdokuments besteht der Index aus unterschiedlichen Teilen. Es gibt einen zusammenfassenden Studienbericht, Analysepapiere zu jedem der sechs Teilindizes, Ländersteckbriefe und einen Methodikbericht. Alle Dokumente sind zugänglich unter dkhw.de/kinderrechte-index.
Wohnort entscheidet
Eins der Kernerkenntnisse des Index ist, dass sehr starke regionale Unterschiede bestehen, was die Verwirklichung der Rechte von Kindern und Jugendlichen angeht. Im Gesamtergebnis schneiden Berlin, Brandenburg, Hamburg, Schleswig-Holstein und Thüringen überdurchschnittlich ab, während Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Sachsen-Anhalt unterdurchschnittlich eingeordnet sind.
Ob die Kinderrechte umgesetzt werden, hängt nach wie vor maßgeblich vom Wohnort ab.
Methodik: 101 Indikatoren, sechs Teilindizes
Der Index ist in sechs Teilindizes gegliedert, die mit Indikatoren untersetzt sind. Diese sind das Recht auf Beteiligung, Recht auf Schutz, Recht auf Gesundheit, Recht auf einen angemessenen Lebensstandard, Recht auf Bildung sowie Recht auf Ruhe, Freizeit, Spiel und kulturelle Teilhabe. Die Daten wurden durch systematische Recherchen amtlicher Statistiken, Ministeriumsbefragungen aller Bundesländer und eigene Befragungen erhoben. So wurde eine repräsentative Kinder- und Jugendumfrage mit 3.218 Befragten im Alter von 10 bis 17 Jahren durchgeführt. Auch Erhebungen zur kindgerechten Justiz und zum Bildungszugang geflüchteter Kinder fanden statt. Alle vier Jahre soll der Kinderrechte-Index erneuert werden.
Beteiligung: Gesetze allein reichen nicht
In der Kinder- und Jugendbefragung fällt auf, dass Kinderrechte unter den 10- bis 17-Jährigen zunehmend bekannter werden. Trotzdem fühlte sich eine Mehrheit der Befragten selten oder nie an ihrem Wohnort beteiligt. Auch zeigt sich großer Handlungsbedarf in der kindgerechten Justiz. Nur wenige Gerichte stellen altersgerechte Informationen bereit und in etwa der Hälfte der Fälle wird Kindern kein Verfahrensbeistand bestellt. Die Mitbestimmung in der Schule muss ebenfalls über die Wahl von Klassensprecher:innen hinaus gestärkt werden. Die Befunde sind nur beispielhaft und können im Teilindex “Recht auf Beteiligung” detailliert nachgelesen werden.
56% der Kinder und Jugendlichen fühlen sich nie oder selten an ihrem Wohnort beteiligt.
Kinderarmut: Fast jedes vierte Kind betroffen
Beim Recht auf einen angemessenen Lebensstandard zeigen die Zahlen besondere Dringlichkeit. Nach dem EU-Indikator AROPE war 2024 bundesweit fast jedes vierte Kind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Zwischen den Bundesländern zeichnen sich dabei erhebliche Unterschiede ab. Bremen hat mit 27% die höchste Armutsquote, Sachsen im Kontrast dazu mit 15,2% die niedrigste. Nur drei Bundesländer (Berlin, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen) verfügen über eine explizite Kinderarmutsstrategie mit Zielen, klaren Zuständigkeiten und Erfolgsmessung. Weitere acht Länder fördern kommunale Präventionsnetzwerke, allerdings ohne einen übergeordneten strategischen Rahmen.
Strukturelle Herausforderungen
Vier übergreifende Erkenntnisse ziehen sich durch alle Teilindizes: Erstens dominiert vielerorts eine Projektlogik statt nachhaltiger Strategie. Zweitens verhindern Datenlücken (bspw. durch das Ende der KiGGS-Längsschnittstudie) eine wirksame politische Steuerung. Drittens gefährdet der Fachkräftemangel in Kinder- und Jugendhilfe, Kitas und Schulen die Qualität der Angebote. Und viertens fehlt bislang ein bundesweites, indikatorengestütztes Kinderrechte-Monitoring, das Fortschritte transparent und vergleichbar machen könnte.
Ausblick
Die Bundesländer sollen Stärken und Schwächen ihrer Kinder- und Jugendpolitik überprüfen und gezielt verbessern können. Der Kinderrechte-Index hilft Best-Practice Beispiele aufzugreifen und setzt vielfältige Verbesserungsimpulse. Die Indikatoren und der Erstellungsprozess werden stetig weiterentwickelt. Die nächste Version soll 2029 veröffentlicht werden.




