UN-Kinderrechtskonvention

Interview mit der neuen Kinder- und Jugendbeauftragten der Landesregierung Hessen

Katharina Gerarts ist die neue ehrenamtliche Beauftragte der hessischen Landesregierung für Kinder- und Jugendrechte. Im Interview mit der National Coalition verrät sie, was es mit der Kinderrechte-Charta auf sich hat und was ihre erste Amtshandlung sein wird.

Liebe Frau Prof. Dr. Gerarts. Wir gratulieren Ihnen ganz herzlich zu Ihrer Berufung als Beauftragte der Hessischen Landesregierung für Kinder- und Jugendrechte. Mit Ihrem Amt sind Sie nicht allein auf weiter Flur, aber fast…Sie tragen als Beauftragte für Kinder- und Jugendrechte die Kinder- und Jugendrechte sogar ganz explizit im Titel, was einen kinderrechtsbasierten Ansatz erhoffen lässt. Was genau ist Ihre Aufgabe?

Die erste Landesbeauftragte für Kinder- und Jugendrechte in Hessen soll für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention sorgen. Dafür müssen die Kinderrechte noch bekannter werden, das ist übrigens auch das erklärte Ziel der Landesregierung, die mich ja ernannt hat. Gerade Kinder und Jugendliche müssen wissen, dass sie Rechte haben und dass sie sich diese Rechte tatsächlich auch erkämpfen dürfen. In diesem Sinne habe ich mir vorgenommen, gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen in Hessen sowie mit bestehenden Expertenorganisationen eine Kinder- und Jugendrechtecharta zu erstellen. Im Laufe des nächsten Jahres werde ich diese Charta dann gemeinsam mit der Landesregierung diskutieren und damit auch die Handlungsbedarfe für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention aufzeigen, damit Punkte in der Folge angepackt werden können im Sinne der Kinder und Jugendlichen.

Was denken Sie, in welchen Bereichen brauchen Kinder und Jugendliche eine starke Stimme?

Mit der UN-Kinderrechtskonvention und ihren drei Säulen, der Förderung, der Partizipation und dem Schutz, sind die Bereiche sehr breit abgedeckt, in denen Kinder und Jugendliche eine Stimme brauchen. Ich denke, gerade im Bereich des Kinderschutzes ist generell noch einiges notwendig, um Kinderrechte tatsächlich umzusetzen, denn Gewalt und auch Armut spielen auch in Deutschland, aber natürlich weltweit immer noch eine große Rolle. Das heißt aber nicht, dass nicht die anderen Säulen ebenfalls eine große Wichtigkeit haben.

Wann in Ihrem Leben sind Ihnen die Kinderrechte das erste Mal begegnet?

Über die Kinderrechte inhaltlich habe ich in meinem Studium gelernt, an der Universität in Bielefeld, als ich Erziehungswissenschaften studierte. Aber schon davor habe ich mich immer für Kinder und Jugendliche eingesetzt, zuerst in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit und dann auch später, nach meinem Abitur, als ich eine Zeit lang in Brasilien war und dort mit Landarbeiterkindern gearbeitet habe. Und später ging die Auseinandersetzung mit den Kinderrechten weiter, als ich bei dem Internationalen Kinderhilfswerk World Vision gearbeitet habe. Als Wissenschaftlerin sind mir diese Themen rund um die Kinderrechte immer wieder begegnet und gerade das Thema Partizipation hat in meinen eigenen Forschungen mit Kindern immer eine sehr große Rolle gespielt.

Was wird eine Ihrer ersten Amtshandlungen sein?

Eine meiner ersten Amtshandlungen wird sein, zunächst einmal viele Gespräche zu führen. Es ist mir sehr wichtig, mit den bestehenden Akteuren hier in Hessen in Kontakt und Austausch zu kommen. In Hessen gibt es schon sehr viel, was für die Umsetzung der UN- Kinderrechtskonvention getan wird. Deswegen möchte ich gerne die bestehenden Fachverbände, Vereine und Organisationen kennenlernen. Darüber hinaus wird dann die Erstellung einer Kinder- und Jugendrechtecharta im Mittelpunkt meiner Amtstätigkeiten stehen. Und da sollen natürlich auch die Kinder und Jugendlichen hier in Hessen ein ganz großes Mitspracherecht bekommen. Ich möchte zusammen mit ihnen und auch mit den Expertenorganisationen eine Charta erstellen, um der bestehenden Regierung etwas Konkretes an die Hand zu geben, was es noch braucht, damit Kinderrechte in Hessen noch mehr Gewicht erhalten.

Für die effektive Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention ist auch die Erhaltung und Schaffung von Ombuds- und Beschwerdestellen unabdingbar. Seit fünf Jahren gibt es in Hessen, gefördert von der Aktion Mensch, eine Ombudsstelle für Kinder- und Jugendrechte. Wie wird Ihre Kooperation bei der ombudschaftlichen Arbeit für Kinder und Jugendliche aussehen?

Es ist wirklich hervorragend, dass wir in Hessen schon so eine breite Liste von unterschiedlichsten Einrichtungen und Personen haben, die sich für Kinder und für die Umsetzung der Kinderrechte einsetzen. Mir ist es sehr wichtig, wie ich schon gerade angedeutet habe, mit den bestehenden Akteuren ins Gespräch zu kommen und natürlich gilt das auch für die bestehende Ombudsstelle. Wenn es die bestehenden Akteure schaffen, an einem Strang ziehen, dann können wir wirklich erfolgreich dafür sorgen, dass Kinderrechte in Hessen auch weiterhin erfolgreich umgesetzt werden.

Als Forschungsleiterin des World Vision Instituts waren Sie beteiligt an der 4. World Vision Kinderstudie; haben auch zu „Forschung mit und über Kinder“ geschrieben. Wie wichtig sind Studien und ist datenbasierte Forschung, wenn es um die Anliegen der Kinder geht?

Als Wissenschaftlerin denke ich natürlich, dass es von großer Bedeutung ist, Studien über Kinder bereitzustellen, und dies in umfassender Form, d.h.in qualitativer und quantitativer Weise. Die von Ihnen angesprochene Kinderstudie hat natürlich den besonderen Aspekt, dass sie die Perspektiven der Kinder selber in den Blick nimmt, anders als dies vielleicht andere Studien tun, in denen erst einmal Zahlen und Daten über Kinder gesammelt werden. Aber ich halte es für unabdinglich, dass Kinder selber befragt werden, damit ihre Blickweise auf die Welt abgebildet wird. Es ist sehr wichtig, dass wir diese Studien haben, um wirklich auch repräsentativ Aussagen über Kinder treffen zu können, und wichtig ist dabei immer auch, die Stimmen der Kinder selber einzuholen.

Was wünschen Sie sich von einem bundesweiten zivilgesellschaftlichen Netzwerk wie der National Coalition?

Es ist hervorragend, dass es so ein bundesweites zivilgesellschaftliches Netzwerk, wie die National Coalition, überhaupt gibt. Ich denke, wir sind damit schon einen riesengroßen Schritt vorangekommen, um die UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland insgesamt erfolgreich umzusetzen. Ich würde mich freuen, wenn die Zusammenarbeit zwischen mir als Hessischen Beauftragten für Kinder- und Jugendrechte mit der NC weiterhin sehr eng funktioniert und wir gegebenenfalls auch gemeinschaftlich kooperieren und an Projekten arbeiten könnten; im Sinne und zum Wohle der Kinder in Deutschland und natürlich besonders hier in Hessen, denn hier arbeiten wir an der weiteren Verbesserung und Bekanntmachung der Kinder- und Jugendrechte, das ist mein Auftrag, den die Hessische Landesregierung mir gegeben hat.

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