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Meine Wörter reisen

Kinder bringen nicht nur ihren Rucksack mit in die Kita oder Schule, sondern auch einen ganzen Schatz an Bildern, Erinnerungen und Wörtern – vom Haus der Großeltern über den Markt in der alten Heimat bis hin zum Lieblingsessen. Doch wie sollen sie davon erzählen, wenn ihnen auf Deutsch noch die Worte fehlen? Und wie wird das, was sie mitbringen, im neuen Umfeld sichtbar? Genau diese Fragen stellten sich bei der Gründung des SchauHoer Verlags aus Pulheim bei Köln, der mehrsprachige Kinderbücher veröffentlicht. 

Kinder lernen Sprachen besonders leicht, wenn sie emotional beteiligt sind und Sprache als Teil einer Geschichte erleben. Patricia Hahne-Wolter, Verlegerin

Wenn Wörter mitreisen: Wie alles begann

Als der SchauHoer Verlag 2006 gegründet wurde gab es in den Buchhandlungen bereits viele übersetzte Kinderbücher aus aller Welt. Die Originalsprachen selbst aber blieben unsichtbar. Und das, obwohl längst Familien aus unzähligen Sprachräumen in Deutschland lebten und ihre Kinder täglich in Kitas und Klassenzimmern saßen. Das wollte der Verlag ändern: „Wir möchten Eltern, Kitas und Schulen dabei unterstützen, Kindern die bestmögliche Bildung zukommen zu lassen – egal in welcher Muttersprache. Schon der Name beschreibt, worum es geht: Sehen, Hören und Mitreden“, beschreibt Patricia Hahne-Wolter das Verlagsmotto.

Das Verlagsprogramm startete mit der Bildwörterbuch-Reihe „Meine Wörter reisen“ der Kölner Künstlerin Christiane Strauss – erhältlich auf Deutsch und als türkisch-deutsche Ausgabe. Das stabile Buch steckt voller Überraschungen: Der Körper einer Kuh findet erst auf der nächsten Doppelseite seinen Kopf, ein Berg verwandelt sich beim Umblättern in das Eis eines Riesen. Kleine Kinder zeigen und benennen, Grundschulkinder erfinden eigene Geschichten zu den fantasievollen Bildern – ein Buch, das mitwächst.

Der Buchtitel ist bis heute ein wichtiges Leitmotiv des Verlags: Wörter reisen mit den Kindern – zwischen Familie und Kita, zwischen Herkunftssprache und Deutsch, zwischen dem Land, aus dem eine Familie kommt, und dem Land, in dem das Kind heute zu Hause ist.

Vom Bildwörterbuch zu über 70 Veröffentlichungen

Aus diesem Anfang ist ein bunter Strauß an Veröffentlichungen gewachsen: Über 70 Kinderbücher, Kamishibai-Bildkarten, Liederbücher und didaktische Materialien in rund 30 Sprachen umfasst das Programm heute. Fachautorinnen wie Martina Ducqué, Elke Schlösser und Inés María Jiménez haben Materialien für Kita und Schule entwickelt, ausgezeichnete Illustrator:innen wie die Hans-Christian-Andersen-Preisträgerin Jutta Bauer haben Bücher des Verlags gestaltet. Und mit dem Kinderliedermacher Wolfgang Hering kam die Musik dazu – zuletzt mit dem Liederbuch „Singt mit! – in vielen Sprachen“, das Kinderlieder aus über 30 Sprachräumen vereint.

Kinderrechte: Warum jede Sprache zählt

Mehrsprachigkeit ist in deutschen Kitas und Schulen längst Alltag: Nach Angaben der Europäischen Kommission spricht mehr als ein Drittel der Kinder bei der Einschulung neben Deutsch noch mindestens eine weitere Sprache. Dass diese Sprachen sowohl im Bildungsbereich als auch in der Gesellschaft einen Platz verdienen, ist nicht nur eine pädagogische, sondern auch eine kinderrechtliche Frage. Die UN-Kinderrechtskonvention erwähnt Kinderbücher sogar ausdrücklich: Nach Artikel 17 sollen die Vertragsstaaten ihre Herstellung und Verbreitung fördern – und dabei die sprachlichen Bedürfnisse von Kindern aus Minderheiten berücksichtigen. Artikel 29 verlangt, dass Bildung die kulturelle Identität, die Sprache und die Werte eines Kindes achtet – die des Landes, in dem es lebt, ebenso wie die seines Herkunftslandes.

Zweisprachige Kinderbücher wirken dabei gleich in zwei Richtungen: Für Kinder mit der jeweiligen Familiensprache sind sie wie ein Spiegel, in dem sie sich wiedererkennen. Für alle anderen öffnen sie ein Fenster in eine Welt, die es noch zu entdecken gilt. Wie das konkret aussieht, zeigen Bücher aus dem SchauHoer Verlag.

„Das, was ich mitbringe, ist wertvoll“: Das Recht auf Identität

Artikel 8 der Kinderrechtskonvention schützt die Identität eines Kindes – und dazu gehört auch seine Sprache. Wer seine Familiensprache in einem Buch wiederfindet, spürt: Ich gehöre dazu, so wie ich bin. Genau davon erzählt „Sonja ist wichtig!“: Das warmherzige Bilderbuch für Kinder von drei bis sechs Jahren nimmt Kinder ernst, die Ängste und Wut empfinden – und zeigt ihnen, wie wichtig sie in der Gemeinschaft von Familie und Freunden sind. Erhältlich ist es in acht Sprachfassungen, unter anderem auf Ukrainisch-, Französisch- und Koreanisch-Deutsch.

Auch „Harry, der blaue Flamingo“ macht Mut, zu sich selbst zu stehen. Harry ist anders – und muss sich gegen ein paar gemeine Jungs behaupten. Als eine Gruppe Flamingos in Not gerät, zeigt er Mut und wagt seinen wichtigsten Flug. Die herzerwärmende Geschichte der Autorin Maria Kaltsidou über Ausgrenzung und Selbstannahme gibt es unter anderem auf Griechisch-, Ukrainisch-, Englisch- und Koreanisch-Deutsch. Mit Rätseln und Schreibimpulsen eignet sie sich ideal für die Grundschule und den herkunftssprachlichen Unterricht.

Sprache verbindet: Das Recht auf die eigene Sprache

Kinder, die einer sprachlichen Minderheit angehören, dürfen ihre Sprache gemeinsam mit anderen verwenden, heißt es in Artikel 30. Doch was passiert, wenn eine Sprache plötzlich andere ausschließt? Das zeigt die Geschichte „Sinan und Felix“ auf Türkisch-Deutsch: Sinan und Felix sind dicke Freunde. Doch dann taucht Murat beim Fußballspielen im Park auf und spricht mit Sinan nur noch Türkisch! Humorvoll und einfühlsam lädt das Buch Kinder ab sechs Jahren ein, darüber nachzudenken, wie Sprache verbinden kann – und wie sich alle Kinder einer Gruppe willkommen fühlen.

Alltagsnahe Tipps für pädagogische Fachkräfte

Wie lassen sich zweisprachige Bücher im Kita- und Schulalltag einsetzen – auch dann, wenn man die zweite Sprache selbst gar nicht spricht? Hier sind einige einfache Ansätze:

  • Eltern als Vorlesende einladen: Ein Vater liest die türkische Seite, die Erzieherin die deutsche. So werden Familiensprachen gewürdigt, Eltern ganz selbstverständlich einbezogen – und ganz nebenbei Vorurteile abgebaut.
  • Sprachen sichtbar machen: Zweisprachige Bücher gehören gut erreichbar in die Leseecke – und nicht nur zu besonderen Anlässen in den Schrank.
  • Wörter auf Reisen schicken: Jedes Kind bringt ein Lieblingswort aus seiner Familiensprache mit, die Gruppe sammelt sie gemeinsam – zum Beispiel auf einer bunten Wörterkarte. Jedes Wort erzählt ein Stück Herkunft!
  • Mit Liedern starten: Musik ist eine der ersten Sprachen, die Kinder verstehen. Ein mehrsprachiges Begrüßungslied im Morgenkreis schafft Vertrautheit – ganz ohne Druck.
Geschichten, die verbinden

Mehrsprachige Kinderbücher sind weit mehr als bedrucktes Papier: Sie geben Kindern Wörter für das, was sie sehen und mitbringen, stärken ihre Identität und öffnen anderen den Blick für neue Welten. „Kinder sind die kulturellen Brückenbauer von morgen. Wenn sie erleben, wie Sprache Türen öffnet, werden sie offener, neugieriger und mutiger“, so Patricia Hahne-Wolter. Damit die Wörter der Kinder weiterreisen können – in der Kita, in der Schule und in die Welt hinaus.

© SchauHoer Verlag

Patricia Hahne-Wolter ist Gründerin und Verlegerin des SchauHoer Verlags, der mehrsprachige Kinderbücher, didaktische Materialien und Musik in rund 30 Sprachen veröffentlicht. Mit ihrem Verlag setzt sie sich dafür ein, dass alle Kinder die bestmögliche Bildung erhalten – egal in welcher Muttersprache – und dass ihre jeweiligen Familiensprachen in Kita und Schule sichtbar werden.

 

Mehrsprachige Kinderbücher, die im SchauHoer Verlag erschienen sind sowie pädagogische Materialien werden auf dem Kinderrechte-Portal vorgestellt. Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung.