#NichtOhneUnsBeteiligung

#NichtOhneUns Blogbeitrag: Junge Kinder beteiligen sich

Beteiligung ist ein Kinderrecht – auch für Kinder zwischen 3 und 6 Jahren. Doch obwohl sie inzwischen zum pädagogischen Selbstverständnis vieler Kitas gehört, bestehen weiterhin Hürden, oft auch auf Seiten der Erwachsenen.

Wie kann Beteiligung in diesem Alter gelingen und was brauchen Fachkräfte, um Kinder in ihren Rechten zu stärken? Welche Sorgen halten Erwachsene davon ab, Kindern mehr zuzutrauen? Warum lohnt es sich nachzufragen, wenn ein Kind eine Entscheidung plötzlich nicht mehr mittragen will, für die es selbst gestimmt hat?

Darüber haben wir mit Kari Bischof-Schiefelbein gesprochen. Sie ist Erzieherin, Heilpädagogin, Pädagogische Fachberatung (M.A.) und Kinderrechtsaktivistin. Als Fachberatung und  Referentin begleitet sie Fachkräfte zu den Themen Demokratiebildung, Kinderrechte, Kinderschutz, Partizipation, Inklusion, Antidiskriminierung und Adultismus. Sie setzt sich dafür ein, dass Kinder von Anfang an an Entscheidungen beteiligt werden, die sie betreffen – ganz im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention.

 

National Coalition
Warum ist Beteiligung bereits für Kinder zwischen 3 und 6 Jahren wichtig?

Kari Bischof-Schiefelbein
Beteiligung beginnt nicht erst dann, wenn Kinder abstimmen oder in einem Gremium sitzen. Sie beginnt in den Beziehungen, die Erwachsene mit Kindern gestalten. Kinder erleben von Anfang an, ob ihre Bedürfnisse und Perspektiven ernst genommen werden und ob sie Einfluss auf ihren Alltag haben.

Kinder zwischen 3 und 6 Jahren zeigen sehr deutlich, was ihnen wichtig ist, was sie brauchen und was ihnen zu viel wird. Die entscheidende Frage ist deshalb, ob Erwachsene bereit sind, ihre Signale wahrzunehmen und darauf einzugehen.

Diese Erfahrungen sind die Grundlage dafür, später die eigene Meinung zu vertreten und Verantwortung zu übernehmen. Beteiligung beginnt nicht mit Sprache oder einem bestimmten Alter, sondern mit der Erfahrung: Meine Perspektive ist wichtig.

 

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Hast du Beispiele aus dem Kita-Alltag, die zeigen, wie bereits 3- bis 6-Jährige Entscheidungen mitgestalten können?

Kari Bischof-Schiefelbein
Beteiligung zeigt sich zunächst in den Entscheidungen, die den Alltag von Kindern direkt betreffen: Essen, Ruhezeiten, Kleidung oder die Frage, wie sie ihren Tag gestalten möchten. Manche Kitas entwickeln darüber hinaus Kinderkonferenzen oder Ausschüsse, in denen Kinder Feste, Ausflüge oder die Gestaltung von Räumen mitplanen. Ich erinnere mich an ein konkretes Beispiel aus der Kita, in der wir ein Kindergremium für die Planung des Faschingsfests gebildet haben. Als wir gefragt haben „Wer möchte das denn mal mitgestalten“ hat sich Finja gemeldet, die noch keine 2 Jahre alt war. Alle Kinder fanden es so süß, dass Finja sich gemeldet hat, dass sie für sie abgestimmt haben. So wurde Finja in diesen Ausschuss gewählt. Alle haben Finja gefeiert und sie hat übers ganze Gesicht gestrahlt. Als es zum ersten Treffen des Gremium ging, waren die drei älteren gewählten Kinder da und Finja ist zum Spielen rausgegangen. Darum geht es. Beteiligungsräume zu schaffen und das Gefühl von Zugehörigkeit auch in der Gremienarbeit zu entwickeln, ohne immer von einer Überforderung der Kinder auszugehen. Finja musste nicht zwingend an den Sitzungen teilnehmen, ihren Platz konnte ein anders Kind einnehmen.

Entscheidend ist aber, dass solche Formate auf einer partizipativen Haltung im gesamten Alltag aufbauen. Es wäre widersprüchlich, Kinder über das Sommerfest oder Feste  abstimmen zu lassen, wenn sie gleichzeitig bei grundlegenden Fragen ihres Alltags keine Mitbestimmung erleben.

Rüdiger Hansen hat mal gesagt: „Wir sind noch nie an die Grenzen der Kinder gestoßen, aber immer wieder an die Grenzen der Erwachsenen.“ Oft geht mehr, als wir ihnen zutrauen. Kinder lernen Verantwortung zu übernehmen dann, wenn Erwachsene sich trauen, ihre Macht ein Stück weit abzugeben und zu sagen: „Okay, probieren wir es aus“.

 

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Wo werden Kinder in diesem Alter aus deiner Sicht noch häufig unterschätzt?

Kari Bischof-Schiefelbein
Viele Erwachsene sorgen sich, dass Beteiligung dazu führt, dass Kinder „auf Tischen und Stühlen tanzen“. Das zeigt sich beispielsweise in Diskussionen über Morgenkreise, Tagesabläufe oder Regeln. Dabei erleben wir immer wieder, dass Kinder sehr verantwortungsvoll mit Entscheidungsspielräumen umgehen. Sie lernen durch Beteiligung nicht weniger, sondern anders. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen, eigene Interessen zu vertreten und gemeinsam Lösungen zu finden.
Wo viel mehr Beteiligung gehen könnte, ist in den Übergängen zur Grundschule. In der Kita erleben die Kinder, dass sie entscheiden können, was sie anziehen, wenn sie rausgehen. In der Grundschule sagen die Lehrkräfte dann zum Beispiel wieder: „Nee, nee, du ziehst dir eine Jacke an, wenn du raus gehst“. Das ist für Kinder, Eltern und uns Pädagog*innen manchmal frustrierend.

 

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Du hast vor Kurzem eine Multiplikator*innen-Ausbildung zur partizipatorischen Eingewöhnung absolviert. Was bedeutet das?

Kari Bischof-Schiefelbein
Die partizipatorische Eingewöhnung (PE) geht davon aus, dass Kinder aktive Gestalter*innen ihrer Eingewöhnung sind. Prof. Dr. Marjan Alemzadeh hat das Modell entwickelt, weil sie beobachtet hat, dass die Eingewöhnung, wie sie häufig gestaltet wird, nicht ausreichend bindungsorientiert ist. Stattdessen ist sie mit vielen Herausforderungen für die Kinder verbunden, gerade was Trennungen und emotionale Sicherheit angeht. Erwachsene glauben oft zu wissen, wann der Übergang in die Kita stattfinden muss und wann ein Kind bereit sein muss, sich zu trennen. Ein zentraler Gedanke der PE lautet: Das Kind entscheidet, wann es bereit ist, sich von seiner Bezugsperson zu verabschieden. Statt festgelegter Zeitpläne steht die Frage im Mittelpunkt: Was braucht dieses Kind, um sich sicher zu fühlen? Fachkräfte und Eltern beobachten gemeinsam, wie es dem Kind geht, und gestalten den Übergang entsprechend seiner Bedürfnisse. Für mich ist das ein besonders spannendes Beispiel dafür, wie Beteiligung in einer Situation gelebt werden kann, die Erwachsene häufig als rein organisatorischen Prozess betrachten. Es spricht viel dafür, Kinder auch bei der Beziehungsgestaltung als selbstbestimmte Akteur*innen zu sehen. Denn kein Kind entscheidet selbst darüber, eine Kita zu besuchen. Wenn wir diese Räume schon haben, die völlig richtig in unserer Gesellschaft sind, dann doch aber mit der Anerkennung dessen, dass sie ihre Eingewöhnung brauchen und wir nicht einfach sagen: “So, da musst du jetzt mal durch”.

Das Konzept betrifft grundsätzlich Kinder in der Eingewöhnung, also auch Kinder über 3, und ist somit auch für den Elementarbereich und damit für die Partizipation von Kindern von 3-6 Jahren relevant.

Auf der Seite „Die Partizipatorische Eingewöhnung“ gibt es ganz viel Material für Eltern und Fachkräfte, die sich für das Modell interessieren.

 

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Viele Fachkräfte und Eltern fragen sich sicherlich, ob eine PE nicht sehr lange dauern kann. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

Kari Bischof-Schiefelbein
Diese Sorge begegnet mir häufig. Eltern machen sich oft Gedanken darüber, ob eine PE länger dauert und wie sich das mit ihrem Alltag oder dem Wiedereinstieg in den Beruf vereinbaren lässt. Fachkräfte befürchten manchmal, dass sich die Eltern dann schwerer von ihren Kindern lösen können.

Deshalb ist es wichtig, Familien frühzeitig mitzunehmen. Das Konzept der PE beginnt nicht erst am ersten Kita-Tag. Kinder können die Räume, die Atmosphäre und die Fachkräfte schon vor dem 1. offiziellen Betreuungstag kennenlernen. Sie erleben die Kita zunächst gemeinsam mit ihren Bezugspersonen und bauen Schritt für Schritt Vertrauen auf.

Gleichzeitig deuten bisherigen Erfahrungen darauf hin, dass eine PE nicht zwingend länger dauert als andere Eingewöhnungsmodelle. Der Unterschied liegt darin, dass wir stärker darauf schauen, was das einzelne Kind braucht. Aus meiner Sicht gewinnen Kinder wenig, wenn Übergänge beschleunigt werden, bevor sie gut getragen sind. Eine gute Eingewöhnung schafft Vertrauen und Sicherheit und kann Kindern auch bei späteren Übergängen in ihrem Leben helfen.

 

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In deinen Fortbildungen legst du großen Wert auf Selbstreflexion. Warum ist das so wichtig, um Kinderbeteiligung zu ermöglichen?

Kari Bischof-Schiefelbein
Weil wir immer als ganze Person im Raum sind. Unsere Vorstellungen davon, wie Kinder sein sollten, welche Regeln wichtig sind oder was „richtiges Verhalten“ ist, beeinflussen unser pädagogisches Handeln.

Deshalb lade ich Fachkräfte immer wieder dazu ein, sich zu fragen: Warum kann ich hier gerade nicht loslassen? Welche Erfahrungen habe ich selbst mit Beteiligung gemacht? Welche Vorstellungen von Kindern bringe ich mit und wie beeinflusst das meine Arbeit?

Diese Selbstreflexion hilft dabei zu erkennen, wann wir Entscheidungen aus Gewohnheit oder aufgrund eigener Erfahrungen treffen und wann sie tatsächlich im Interesse der Kinder liegen.

 

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Gibt es typische Situationen, in denen Beteiligung von Kindern zwar gut gemeint ist, aber in der Praxis nicht wirklich gelingt?

Kari Bischof-Schiefelbein
Das erlebe ich zum Beispiel bei Beteiligungsprozessen rund um Feste oder Ausflüge. Manchmal treffen Kinder Entscheidungen, ohne ausreichend informiert worden zu sein oder genug Zeit gehabt zu haben, sich eine eigene Meinung zu bilden. Wenn dann später Widerstand entsteht, wird schnell gesagt: „Du hast das doch selbst entschieden.“ Dabei lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Was wussten die Kinder eigentlich über die Entscheidung? Welche Informationen haben ihnen gefehlt?

Gerade bei jüngeren Kindern sind Information und Anhörung zentrale Bestandteile von Beteiligung. Kinder können Entscheidungen nur dann mittragen, wenn sie verstehen, worum es geht. Wenn ein Kind beispielsweise plötzlich nicht mehr an einem gewählten Ausflug teilnehmen möchte, steckt dahinter oft ein guter Grund. Einmal hat sich bei einem Kind herausgestellt, dass es nicht zum Ausflug wollte, für den es zuvor gestimmt hatte, weil es mit dem Fahrtweg Probleme hatte. Über den Fahrtweg wurde es bei der Entscheidung über das Ausflugsziel nicht informiert. Beteiligung bedeutet in diesem Fall, nachzufragen und die Perspektive des Kindes ernst zu nehmen, statt vorschnell zu schließen, dass Kinder noch nicht entscheiden können.

 

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Was möchtest du Fachkräften mitgeben, die Beteiligung in ihrer Einrichtung stärken möchten?

Kari Bischof-Schiefelbein
Ich möchte Fachkräften Mut machen, Kindern mehr zuzutrauen und ihre Themen ernst zu nehmen. Kinder verhandeln, gestalten und entscheiden jeden Tag. Sie tun das im Spiel, in Beziehungen und im Alltag. Beteiligung beginnt oft nicht mit großen Projekten, sondern in kleinen Momenten: wenn Kinder Entscheidungen über ihren Alltag treffen können, wenn ihre Fragen aufgegriffen werden oder wenn Erwachsene bereit sind, gemeinsam mit ihnen nach Lösungen zu suchen.

Wenn wir genauer hinschauen, bringen Kinder bereits alles mit, was Beteiligung braucht. Die Frage ist oft eher, ob wir bereit sind, ihnen den notwendigen Raum dafür zu geben.

 

Weiterführender Tipp von Kari Bischof-Schiefelbein: Das Buch „Morgenkreise, Kinderkonferenzen und Co.“ von Jessica Schuch, das sich praxisnah mit Beteiligungsmöglichkeiten von Kindern im Kita-Alltag beschäftigt.

Und das Buch „Partizipation ist Kinderrecht“ ist ein Reflexions- und Methodenbuch für die Kita-Praxis von Kari Bischof-Schiefelbein, Anke Petersen und Jessica Schuch

 

Materialien vom Kinderrechte-Portal

In der Materialsammlung finden pädagogische Fachkräfte Anregungen und Materialien zur Beteiligung von Kindern im Alter von 3 bis 6 Jahren: