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Werkstatteinblick: Wie entwickeln Kinder ihre eigenen Bilderbücher? 

Der Verein Bücherpiraten e.V. aus Lübeck beteiligt sich an der Kooperation zu Mehrsprachigkeit und Kinderrechten. Martin Gries berichtet im Interview von seiner Arbeit mit Kindern in Geschichten-Werkstätten und im Projekt bilingual picturebooks.

Netzwerk Kinderrechte: Warum sind Bilderbücher in möglichst vielen Sprachen wichtig?

Martin Gries: Unsere erste Erinnerung an „Buch“ sollte von Geborgenheit und Sicherheit geprägt sein. Dann fällt es in Zukunft leichter, wieder zu einem Buch zu greifen. Bilderbücher gibt es nur in wenigen Sprachen. Viele Kinder lernen „Buch“ in einer Fremdsprache kennen. Diese Fremdheit kann eine Hürde sein, um in die Welt der Bücher einzutauchen.  

Netzwerk Kinderrechte: Was ist eine Geschichten-Werkstatt?

Martin Gries: Viele Kinder lieben es, Geschichten zu erfinden. In einer Bilderbuch-Werkstatt erleben sie, dass sie es gemeinsam schaffen, ein richtiges Buch zu machen. Wir starten mit Nichts – bzw. mit unendlich vielen Möglichkeiten für eine Geschichte. Da steht z.B. ein Koffer in der Mitte des Raumes. Mit dem Koffer ploppen plötzlich Fragen auf und die Fantasie bekommt Flügel. Nach und nach entscheiden die Kinder, was in dem Koffer ist, wem der Koffer gehört und wo der Koffer schon alles war. Schritt für Schritt entsteht eine Geschichte. Und wenn die Geschichte fertig ist, bekommt sie in der zweiten Hälfte der Werkstatt Bilder.  Wenn wir eine Woche Zeit für die Werkstatt haben, spüren sie, dass aus einem Nichts am Montag am Freitag ein richtiges Buch geworden ist. Das ist ein großartiger Moment. Und diese wunderbaren Bücher machen die jungen Autor*innen und Illustrator*innen allen Kindern der Welt zum Geschenk. 

Netzwerk Kinderrechte: Wie gehst du in einer Werkstatt damit um, wenn die teilnehmenden Kinder verschiedene Sprachen sprechen?

Martin Gries: Wir versuchen alle Sprachen der Kinder in den Raum zu holen. Wir schmecken nach, wie sich ein Name für ein Ding in einer anderen Sprache anfühlt. Was kann ich in der einen Sprache besser sagen als in der anderen? So ist z. B. ein Buch entstanden, bei dem die Kinder Sprichwörter über Hühner aus vielen Sprachen gesammelt haben. So gibt es in der Geschichte nicht nur ein blindes Huhn, sondern auch ein Huhn mit Zähnen und ein ängstliches Huhn. Aber selbst wenn in Kita-Gruppen oder Klassen zehn Sprachen gesprochen werden, einigt man sich am Ende auf eine Sprachversion des Buches. Einige Einrichtungen nutzen die Bilderbuch-Werkstatt, um anschließend die Eltern und Familien mit in das Projekt einzubinden. Sie übersetzen ehrenamtlich den Text in ihre Familiensprachen. So gibt es das Buch wenige Wochen nach der Bilderbuch-Werkstatt für alle Kinder in ihrer eigenen Sprache.    

Netzwerk Kinderrechte: An welchen Stellen im Prozess entscheiden die jungen Menschen? Welche Rolle hast du dabei? 

Martin Gries: Um bei dem Beispiel zu bleiben: Ich stelle den Koffer in die Mitte des Raumes. Was darin ist, entscheiden die Kinder. Ich verstehe mich als Lotse bei der Entstehung einer Geschichte. Ich stelle Fragen und sammle die Ideen der Kinder. Ich moderiere Abstimmungen über den weiteren Handlungsverlauf. Dabei zerteile ich den Entstehungsprozess einer Geschichte in Einzelfragen, die die Kinder entscheiden. So können sie Schritt für Schritt alles selbst machen. Ich bin allerdings für den Zeitplan verantwortlich.  

Netzwerk Kinderrechte: Wie kam es zu den Bilderbüchern “Wie entsteht eigentlich Zukunft?” und “Wie kann die Zukunft gelingen?”

Martin Gries: Die beiden „Zukunft“-Bücher waren etwas Besonderes.  Für „Wie entsteht eigentlich Zukunft?“ haben wir mit Lesefördernden aus aller Welt nach Fragen der Kinder an die Zukunft gesucht. Die Pädagog*innen vor Ort haben mit den meist sehr jungen Kindern über Zukunft gesprochen. Das ist für Kinder in dem Alter nicht immer leicht. Die Fragen der Kinder aus den Gesprächen haben die Pädagog*innen uns geschickt. Bei den Bücherpiraten hat sich eine Gruppe von Jugendlichen einerseits mit Nachhaltigkeitszielen der UN-Agenda auseinandergesetzt und auf der anderen Seite mit den Fragen der Kinder. Sie stellten fest, dass sich die Kinder über dieselben Themen Gedanken gemacht haben wie die UN. Die Jugendlichen illustrierten die Fragen der Kinder. Schon während der Illustrationswerkstatt sind 36 Übersetzungen fertig geworden. Heute sind es 60. Schon wenige Tage nach der Veröffentlichung hatte eine Bibliothek in einer serbischen Kleinstadt aus dem Buch eine Marktplatz-Ausstellung gemacht und zur Diskussion eingeladen. Viele Pägagog*innen nutzen das Buch für ihre Gespräche über nachhaltige Entwicklung. 

Die Jugendlichen haben sich danach gefragt, ob man nicht auch Antworten braucht, um über Zukunft nachzudenken. Sie haben eine sehr kurze Geschichte über eine Zauberbrille geschrieben, mit der man das Gelingen der Zukunft sehen kann. Sie luden Kinder ein, die Brille aufzusetzen und sich umzusehen und Erwachsene zu befragen, was sie machen, damit die Zukunft gelingt. Die ehrenamtlichen Übersetzer*innen haben die Geschichte in 9 Sprachen übersetzt. Je eine Kindergruppe aus dem Iran, der Türkei und aus Deutschland haben dann Erwachsene interviewt. Diese Interviews wurden auf Englisch übersetzt und die Jugendlich haben daraus das Sachbuch „Wie kann Zukunft gelingen?“ gemacht. Bei einem Videotreffen haben sich dann alle Beteiligten getroffen und haben erzählt, was sie erlebt haben. Beide Bücher sind eine Einladung an Kinder, über die Zukunft nachzudenken und sie zu gestalten.   

Netzwerk Kinderrechte: Wie kommen die Bilderbücher auf bilingual-picturebook.org? Wer übersetzt die Geschichten in andere Sprachen?

Martin Gries: Kinder- und Jugendgruppen aus aller Welt können uns die nächste Geschichte schicken. Es gab zum Beispiel ein Buch, bei dem Kinder aus Hong Kong den Text geschrieben haben und Kinder aus Sri Lanka die Bilder gemacht haben. Häufig nutzen Schulen eine Projektwoche für eine Bilderbuchwerkstatt oder multilinguale Kindertagesstätten haben eine wöchentliche Gruppe, die kontinuierlich an dem nächsten Buch arbeitet. Insgesamt sind über 200 ehrenamtliche Übersetzende an dem Projekt beteiligt. Sie sitzen überall auf der Welt und übersetzen in ihre 82 Familien-Sprachen. Das ist gerade für kleine Sprachgemeinschaften eine Chance, Bilderbücher in der eigenen Sprache zu haben.  

Netzwerk Kinderrechte: Vielen Dank für das Interview. 

© Kirsten Haarmann

Martin Gries ist Mit-Gründer der Bücherpiraten und pädagogischer Leiter. Er hat die Seite www.bilingual-picturebooks.org mitkonzeptioniert und moderiert seit 12 Jahren regelmäßig Bilderbuch-Werkstätten mit Kindern und Jugendlichen. Das Interview wurde schriftlich geführt.

 

Das Projekt bilingual picturebooks, pädagogische Begleitmaterialien sowie einzelne Bilderbücher der Bücherpiraten sind auf dem Kinderrechte-Portal zu finden.